Heute möchte ich über etwas Persönliches schreiben, nicht rein als Psychologin, sondern als Mutter.

Vor anderthalb Jahren bin ich mit meinen Söhnen nach Italien ausgewandert. Der Flug hierher dauert weniger als zwei Stunden. Bei Ryanair kostet ein Ticket manchmal weniger als eine Zugfahrt durch Deutschland. Der Vater meiner Kinder war seitdem dennoch nie hier.

Es gibt Gründe dafür. Es gibt immer Gründe: bürokratische, praktisches, Arbeit, Pässe, Zeitplanung. Manche davon sind sicher real und gleichzeitig, das sage ich als jemand, der beruflich sehr genau hinschaut, steckt hinter dem Ausbleiben auch ein Mangel an Engagement, es möglich zu machen. Diese Kombination ist nicht ungewöhnlich.

Nach etwa einem Jahr sagte mein jüngerer Sohn, ohne Frage, ohne Drama, mit der trockenen Sicherheit von jemandem, der etwas längst verstanden hat: »Papa hat mich nicht lieb.«

Und kürzlich fragte mein Älterer, sieben Jahre alt: »Warum haben alle einen Papa, nur ich nicht?«

Ich bin Psychologin. Ich weiß, wie ich antworten soll. Und trotzdem gibt es Momente, in denen das Wissen nichts nützt und man einfach nur Mutter ist, mit einem Kind, das eine Frage stellt, die keine gute Antwort hat.

Über das, was solche Sätze in Kindern auslösen, möchte ich heute schreiben.

Was Kinder aus Abwesenheit machen

Kinder sind keine neutralen Beobachter. Sie interpretieren und sie interpretieren fast immer in Richtung auf sich selbst. Wenn jemand nicht fragt, wie es ihnen geht, wenn jemand nicht kommt, obwohl er könnte, dann suchen sie die Ursache nicht beim Erwachsenen. Sie suchen sie bei sich.

»Habe ich etwas falsch gemacht?« »Bin ich nicht wichtig genug?«

»Bin ich nicht liebenswert genug?«

Das sind keine irrationalen Gedanken.

Für ein Kind, das noch nicht die Komplexität erwachsener Motivationen überblicken kann, sind sie die logischste Erklärung der Welt. Erwachsene haben immer Gründe, doch Kinder haben in erster Linie ihr Erleben: Er ist nicht da. Er fragt nicht. Er kommt nicht.

Die Feststellung meines Sohnes »Papa hat mich nicht lieb« war kein Aufschrei. Sie war eine Schlussfolgerung. Das macht sie nicht weniger schmerzhaft.

Warum Abwesenheit anders wirkt als Streit

In meiner Arbeit mit Eltern im Sorgerechtskonflikt sehe ich häufig, wie viel Energie in Konflikte fließt, in Vorwürfe, Anträge, Organisatorisches. Das ist verständlich. Ein Sorgerechtsstreit ist fordernd, einnehmend und laut.

Abwesenheit ist hingegen leise und unauffällig. Das Paradox des alleinerziehenden Elternteils ist, je besser man das Fehlen des anderen Elternteils kompensiert, desto weniger Menschen erkennen die dahinter stehenden Kosten.

Und genau deshalb wird Abwesenheit unterschätzt – auch von Gerichten, auch von Gutachtern, auch von gut meinenden Erwachsenen im Umfeld.

Für das Kind ist der Unterschied oft umgekehrt. Streit ist belastend, aber er zeigt zumindest, dass Gefühle da sind, dass eine Beziehung existiert. Ausbleibendes Interesse sendet eine andere Botschaft: Du bist nicht der Rede wert. Du bist nicht der Mühe wert.

Diese Botschaft, auch wenn sie nie so gesagt wird, kann sich tief einschreiben. In das Selbstbild, in die Erwartung an Beziehungen, in die Frage, die mein jüngerer Sohn gestellt hat:

Warum alle, nur ich nicht?

Was es mit dem Selbstwert macht

Bindung entsteht nicht durch besondere Momente. Sie entsteht durch viele kleine, wiederholte Erfahrungen: Jemand denkt an mich. Jemand erfüllt meine Bedürfnisse. Jemand ist da, wenn ich ihn brauche.

Wenn diese Erfahrungen mit einem Elternteil dauerhaft ausbleiben, reagieren Kinder sehr unterschiedlich. Manche ziehen sich zurück und sagen »ist mir egal«, als Schutz. Manche klammern sich umso stärker an den anwesenden Elternteil. Manche werden auffällig angepasst, fast zu brav, als würden sie alles richtig machen wollen, damit wenigstens einer bleibt.

Was ich in meiner Arbeit und zuhause beobachte:

Kinder hören nicht auf, den abwesenden Elternteil zu lieben. Sie hören auf, sich selbst für liebenswert zu halten. Das ist der eigentliche Schaden.

Was man als anwesender Elternteil tun kann – und was nicht

Das Schwierigste an dieser Situation ist, dass man den anderen Elternteil nicht ändern kann. Man kann nicht erzwingen, dass jemand kommt, anruft, fragt. Und man kann die Enttäuschung des Kindes nicht wegreden. Das wäre falsch, und Kinder merken es sofort.

Was man tun kann:

  • Die Gefühle des Kindes bestätigen, ohne den anderen Elternteil zu bewerten. »Ich verstehe, dass dich das traurig macht« ist ein anderer Satz als »Er kümmert sich eben nicht um euch.« Beides stimmt vielleicht, aber nur der erste Satz hilft dem Kind.
  • Dem Kind explizit sagen, dass es nicht schuld ist. Kinder wissen das nicht automatisch. Sie müssen es hören und zwar nicht einmal, sondern immer wieder.
  • Verlässlichkeit im Alltag schaffen. Feste Rituale, eingehaltene Versprechen, ungeteilte Aufmerksamkeit. Das sind keine Trostpflaster. Das ist das Fundament, auf dem ein Kind trotzdem lernen kann: Ich bin es wert, dass jemand bleibt.
  • Die eigene Enttäuschung und Wut nicht ins Kind hineintragen. Das ist schwer, besonders dann, wenn man selbst wütend ist. Aber Kinder tragen schon genug. Sie sollten nicht auch noch die Gefühle des anwesenden Elternteils verwalten müssen.

Was man nicht tun sollte:

  • Den anderen Elternteil erklären, entschuldigen oder schlechtreden. Alle drei sind Varianten desselben Problems, das Kind wird in eine Bewertungsrolle gezogen, die nicht seine ist.

Was bleibt

Auf die Frage meines Sohnes habe ich keine perfekte Antwort gehabt. Ich habe gesagt, dass ich seine Traurigkeit verstehe, gefragt, ob er eine Umarmung möchte. Ihm versichert, dass er geliebt wird, von mir, von seinem Bruder, von Menschen, die ihn kennen.

Wenn Sie sich in diesem Artikel wiederfinden, als Mutter, als Vater, als Mensch, der neben einem Kind sitzt, das eine Frage stellt, auf die es keine gute Antwort gibt. Das Kind braucht keine perfekte Erklärung. Es braucht uns.

Präsent, ehrlich, ohne Versprechen, die wir nicht halten können.

Mirjam Naudszus ist M.Sc. Psychologin mit Schwerpunkt Rechtspsychologie (BDP, Sektion Rechtspsychologie). Sie begleitet Eltern in Trennungen und berät in Sorgerechtsfällen und bei Begutachtungen.

Weitere Informationen: dein-familien-coach.de